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Macht Musik schlau?
Von: Nina George - aus dem Magazin der privaten Krankenversicherung Vereinten Ausgabe November 2002
Singen, musizieren, in Melodien schwelgen - wie wirkt die Kraft der Musik auf unseren Körper und Geist? Studien können sich hören lassen: Mit Musik geht
alles besser - und vor allem gesünder
Fertig! Leo gibt die Mathearbeit schon wieder früher ab als die anderen. Und sein Lehrer weiß: Leo wird auch diesmal eine gute Note erreichen. Beim Hinausgehen pfeift
der Zwölfjährige eine kleine Melodie - ein Menuett, F-Dur, Bach. Wie schafft der Junge das bloß? Spielt Geige, macht Sport, engagiert sich im Laienspiel und ist auch noch nett. Ein Wunderkind? Eigentlich
nicht. Nur ein Musiker.
Macht Musik Kinder schlau - und wenn ja, wie? Kleiner Gehirnexkurs: Unsere Körperhälften sind mit den jeweils gegenüberliegenden Hirnhälften verknüpft. Die rechte
Gehirnhälfte ist für Kreativität, Musik, Gefühle, Intuition zuständig; die linke steuert Sprache und Logik. Um das Gehirnpotenzial zu nutzen, müssen beide Gehirnhälften aktiviert werden. Im herkömmlichen
Schulunterricht wird vorwiegend die linke trainiert, weil das meiste - Schreiben oder Rechnen - mit der rechten Hand erledigt wird. Das Musizieren fördert sehr stark die linke Körperhälfte - und
trainiert so die rechte Hirnhälfte. So führt Musik zur Verknüpfung - und wirkt damit auf geistige Fähigkeiten. Dieses Phänomen erforschte Dr. Hans Günther Bastian: Mit einem Team von Wissenschaftlern
beobachtete er seit 1992 die Entwicklung von 180 Kindern an Berliner Grundschulen, in denen Musizieren gefördert wird, und verglich sie mit Schulen ohne Musikbetonung. Ergebnis: Schüler, die Musik
machen, sind weniger aggressiv, toleranter, selbstbewusster, realitätsbezogener, emotional stabiler - und intelligenter. Obwohl es bei der Einschulung keine IQ-Unterschiede gegeben hatte, brachte es die
Hälfte der musikorientierten Schüler nach eineinhalb Jahren zu überdurchschnittlichen Ergebnissen, nach vier Jahren zeigten sich bessere Noten in Geometrie, Deutsch, Englisch, Mathematik. Es stimmt:
Musik macht schlau. Darüber hinaus sind diese Kinder sozialer - wer Musik macht, prügelt nicht. Wir können genauso wenig “weghören", wie wir “wegriechen" können. Musik aktiviert viele
Verschaltungen unseres Limbischen Systems: Härchen im Gehör leiten den Schall zum Hirnstamm weiter, wo er in Musik oder Energie übersetzt wird. Dieses Gehirnareal um den Mandelkern steuert Emotionen und
Sinneswahrnehmungen. Es ist für Schmerzverarbeitung zuständig und eng mit den Lernprozessen von Verstand und Intuition verknüpft. Dieses Wissen wird von Medizinern genutzt - so verringert Musik das
Schmerzempfinden von Zahnarztpatienten, Musik kann sogar Glück auslösen - Neurologen belegten eine erhöhte Menge an körpereigenen Drogen wie Dopamin bei bewusstem Hören. Wer selbst Musik macht und ihr
nicht nur passiv zuhört, dem wachsen neue Verbindungen im Kopf; die Beschäftigung mit einem Instrument, mit Notenlesen, Komponieren, Üben, die Feinmotorik plus der Schall der Musik sorgen dafür, dass
sich die Nervenverbindungen im Gehirn effizienter miteinander verknüpfen. Dieses erweiterte Netz namens “Mental speed" sorgt für Schnelligkeit im Gehirn - und für mehr Konzentration und Leistung,
ein differenziertes Gefühlspotenzial und Kreativität. Auf der Neurologischen Intensivstation der RWTH Aachen wurde die Wirkung bestimmter Musikstücke über Jahre beobachtet. Wer sich nach innerer Ruhe
sehnt oder Angst abbauen möchte, sollte z. B. instrumentale Barockmusik, vorzugsweise in den langsameren Tempi, hören, Stücke wie Bachs “Air" (aus der Suite Nr. 3 in D-Dur), Händels
“Wassermusik" oder Teile der “Vier Jahreszeiten" von Vivaldi. Aus dem Pop-Bereich gehören “Yesterday" von den Beatles, “A White Shade of Pale" von
Procol Harum, aber auch viele Blues-Stücke dazu. Zur Entspannung oder Anregung bewähren sich die Gesänge der Buckelwale. Motivierende Musik findet sich bei Mozart und
Vivaldi. Sogar für den Menschen nicht hörbare Töne sollen Wirkung entfalten. Air Force-Piloten werden durch das sogenannte HemiSync-System darauf trainiert, beide Gehirnhälften optimal miteinander zu
vernetzen, um auf kritische Situationen besser zu reagieren. Konzentration, Verstand und Intuition werden durch unhörbare Frequenzen um 7000 und um 12 Hertz stimuliert. Ähnliche Frequenzen helfen
übrigens auch Sportlern, um länger durchzuhalten. Wer andererseits beim Autofahren Rockmusik oder auch aufpeitschende klassische Musik hört, fährt aggressiver. Das Gehirn verarbeitet die musikalischen
Reize offenbar unmittelbar, was sich auf die Fahrweise auswirkt. Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung des eigenen Gesangs: Ein Versuch mit psychisch Kranken an der Münchner Uni-Klinik hat ergeben,
dass Singen die Stimmungslage positiv beeinflusst. Bei den Patienten wurde eine signifikante Besserung ihres depressiven Zustandes nachgewiesen. Das gilt auch für psychisch Gesunde - Singen kickt Körper
und Geist - und es kommt weder auf Perfektion noch Talent an.
Schon die Alten wussten, dass die richtige Musik zum richtigen Moment eine heilsame Wirkung entfaltet - dieses Wissen war stets Bestandteil alter Kulturen. Mediziner,
Forscher und Neurologen versuchen heute, an diese überlieferten Traditionen anzuknüpfen. Damit arbeitet man an neu-alten Formen der Musiktherapie. Fazit: Hören Sie die Musik, die Sie tief im Herzen
berührt. Sie wird nicht ohne positive Folgen für Hirn und Humor sein.
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